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Die am wenigsten friedlichen Länder sind in einer Gewaltspirale gefangen

8. 06. 2016

Aus der heute veröffentlichten zehnten Auflage des Weltfriedensindex (Global Peace Index) geht insbesondere eine tiefgreifende, wachsende weltweite Ungleichheit in Sachen Frieden hervor. Die Kluft zwischen den friedlichsten und am wenigsten friedlichen Ländern der Welt wird immer breiter.

Die Studie des internationalen Think-Tanks, dem Institute for Economics and Peace (http://economicsandpeace.org/) hat ergeben, dass zwar in 81 Ländern Verbesserungen zu beobachten waren, dass die Verschlechterungen in 79 anderen Ländern diese positiven Entwicklungen aber übertrafen, so dass der Weltfrieden schneller dahinschwand als noch im Vorjahr. Nichtsdestotrotz verzeichnen einige der friedlichsten Länder aktuell jedoch ein bis dato ungekanntes Friedensniveau.

Die Lage im Nahen Osten und Afrika (MENA), der am wenigsten friedlichen Region im Bericht des letzten Jahres, verschlechterte sich weiter, da sich regionale Konflikte intensivierten und den Frieden weltweit in Mitleidenschaft zogen. Die aktuelle Konzentration von Gewalt und Konflikten in der Region MENA ist so intensiv, dass der Durchschnittswert des Weltfriedens sich verbessert, wenn man diese Region isoliert betrachtet. Drei der fünf schwerwiegendsten Fälle von Friedensverschlechterung fanden in dieser Region statt: im Jemen, in Libyen und in Bahrain.

Steve Killelea (http://economicsandpeace.org/about-us/our-leadership/steve-killelea), Gründer und Vorstandsvorsitzender des IEP , äußerte sich wie folgt: "Je mehr sich die internen Konflikte in der Region MENA verschärfen, umso mehr bringen sich externe Parteien ein und das Potenzial für einen indirekten Krieg bzw. 'Stellvertreterkrieg' zwischen Nationalstaaten steigt. Dies konnte bereits in Syrien anhand des Konfliktes zwischen dem Assad-Regime und mehreren nicht-staatlichen Akteuren beobachtet werden und überträgt sich jetzt auch auf Länder wie den Jemen. Es besteht ein größer angelegter Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran und seit kurzem haben sich sowohl die USA als auch Russland mehr eingebracht."

Der weltweite Schwund an Frieden 2015 war auf wachsenden Terrorismus und höhere politische Instabilität zurückzuführen. Obwohl sich der Großteil der terroristischen Aktivität in hohem Maße auf fünf Länder konzentriert - Syrien, Irak, Nigeria, Afghanistan und Pakistan -, breitet sich der Terrorismus immer mehr aus; nur 23 % aller Länder des Index haben kein terroristisches Ereignis erlebt. Der Durchschnittswert in Europa, das erneut die friedlichste Region der Welt war, verschlechterte sich im Bericht diesen Jahres infolge der Terroranschläge in Paris und Brüssel; die durch Terrorismus verursachten Todesfälle in Europa haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Die Anzahl der Flüchtlinge und Vertriebenen ist im Laufe des vergangenen Jahrzehnts dramatisch gestiegen und hat sich zwischen 2007 und 2016 auf etwa 60 Millionen Menschen verdoppelt, fast 1 % der Weltbevölkerung. Es gibt nunmehr neun Länder, in denen mehr als 10 % der Bevölkerung auf die eine oder andere Art heimatlos wurden; in Somalia und dem Südsudan sind es 20 % der Bevölkerung und in Syrien mehr als 60 %.

Die weltweiten wirtschaftlichen Auswirkungen von Gewalt sanken zwar im Vergleich zum Vorjahresbericht um 2 %, beliefen sich jedoch 2015 immer noch auf schwindelerregende $13,6 Billionen USD; dies ist 11 Mal so hoch wie die auswärtigen Direktinvestitionen weltweit. Dies entspricht 13,3 % des weltweiten BIP bzw. $1876 USD pro Person. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Gewalt in den letzten zehn Jahren betrugen insgesamt $137 Billionen USD; das ist mehr als das weltweite BIP 2015.

Steve Killelea bemerkte: "Die zunehmende Internationalisierung interner Konflikte fiel mit einem historischen Höchststand der Gelder für UN-Friedensmissionen 2016 zusammen: Dies war der am meisten verbesserte Indikator im diesjährigen Bericht. Es wurden mehr Friedenshüter entsandt und mehr Länder kamen Ihren Pflichten in Bezug auf UN-Friedensmissionen nach. Die Ausgaben für Friedensschaffung und -wahrung bleiben jedoch weiterhin gering im Vergleich zur den wirtschaftlichen Auswirkungen von Gewalt und entsprechen nur 2 % der weltweiten Verluste durch bewaffnete Konflikte.

"Das Angehen der weltweiten Friedensungleichheit und das Erreichen einer Reduzierung der wirtschaftlichen Auswirkungen von Gewalt um insgesamt 10 % würde eine Friedensdividende von $1,36 Billionen USD ergeben. Dies entspricht etwa dem Umfang der weltweiten Nahrungsmittelexporte."

Der Bericht umfasst auch eine Prüfung der verfügbaren Daten zur Messung von Ziel 16 der Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals), der formalen Anerkennung der grundlegenden Rolle, die Frieden für das Voranschreiten der Entwicklung weltweit spielt, durch die UN-Mitgliedsstaaten. Daraus geht hervor, dass es zwar einige bestehende Daten gibt, um Fortschritt zu messen und somit die Mitgliedsstaaten in Bezug auf die Erreichung ihrer Ziele zur Verantwortung zu ziehen, dass aber umfangreiche Investitionen getätigt werden müssen, um die Ziele zu messen.

Der Bericht schließt mit neuen Forschungsergebnissen in Bezug auf Widerstandskraft und das, was das IEP als 'Positiven Frieden' bezeichnet: die Haltungen, Institutionen und Strukturen, die Frieden erhalten. Aus dem Bericht geht hervor, dass im Laufe des letzten Jahrzehnts in Ländern mit einem geringen Niveau an Positivem Frieden 13 Mal mehr Menschen aufgrund von Naturkatastrophen ums Leben kamen als in Ländern mit einem hohen Maß an Positivem Frieden.